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Kripo besucht Zuger Web-Verlag

Visite der Polizei: Im Hauptquartier in Hünenberg musste Intercable
diverse Akten herausgeben.


Die Kriminalpolizei Luzern ermittelt gegen Internet-Adressbuchverlage. Jetzt
weiten die Beamten nach einem Jahr ihre Untersuchung auf einen illustren
Zuger Verlag aus.

Von Christian Bütikofer

Das Haus in Hünenberg ZG hat Tradition. Seit 1979 ist Intercable <ein
renommierter Schweizer Verlag> mit einer <Geschichte, auf die er stolz sein
darf>. Am 20. Juni bereicherte er seine Firmengeschichte um ein weiteres
Kapitel: Frühmorgens fuhr die Polizei vor dem roten Geschäftshaus im
Hünenberger Industriequartier vor; Teams der Kripo Zug und Luzern führten
bei der Intercable gemeinsam eine Aktensicherstellung durch.



Intercable gehört zum Umfeld des Hamburger Kaufmanns Meinolf Lüdenbach,
gegen dessen weitere Adressbuch- und Inkassofirmen Novachannel (LU), OVAG
International (LU) und Premium Recovery (ZG) die Luzerner Kripo seit einem
Jahr ermittelt. Der Verdacht: unlauterer Wettbewerb im grossen Stil. Mit der
Aktion in Hünenberg erweitert die Luzerner Kripo ihre Untersuchungen, die
sie vor einem Jahr auf Grund einer Anzeige des Staatssekretariats für
Wirtschaft (Seco) startete.

Meist gehen die Verlage mit Formularen für Einträge in
Internetadresskataloge weltweit auf Kundenfang. Im klein Gedruckten sind
geschickt formuliert horrende Gebühren für mehrjährige Verträge versteckt
(über 1000 Franken pro Jahr), welche die erwähnten Inkassofirmen seit den
90er-Jahren weltweit mit massivem Druck und Prozessdrohungen eintreiben.

Geführt wird Intercable heute durch Adrian Wittmer. Er gründete auch die
international tätige Werbefirma WSE Media AG aus Meggen mit. Zur laufenden
Untersuchung will sich Wittmer nicht äussern, er ist aber davon überzeugt,
dass die erhobenen Vorwürfe jeglicher Grundlage entbehren und dass dies,
sollte es überhaupt dazu kommen, auch gerichtlich festgestellt würde.

Millionen erzielt - Interpol am Hals
Wie dem TA vorliegende Gerichtsdokumente aus Frankreich belegen, führte das
Geschäftsgebaren von Intercable im Verbund mit Adressbuchverlegern aus
Österreich bereits in der Vergangenheit zu einer gross angelegten
Interpol-Untersuchung. In den Gerichtsdokumenten ist von <Betrug> und
<Irreführung> zwischen 1979 und 1990 die Rede. Intercable existierte
offiziell von 1975 bis 1988 nur in Hamburg, erst dann brach man im Norden
die Zelte ab und emigrierte nach Zug. Adrian Wittmer sind die Vorfälle in
Frankreich nicht bekannt. Er sagt: <Ich leite die Firma nun seit 1995. Von
einer Interpol-Untersuchung mit Prozess in Frankreich, die über 20 Jahre her
sein soll, habe ich noch nie etwas gehört.>

Laut den Dokumenten waren die Adressbuchverleger <mindestens in zwölf
Ländern aktiv gewesen> und: <Im Falle von Frankreich ist die Ähnlichkeit mit
den Rechnungen der PTT (später France Télécom) offensichtlich.> Gemäss den
vorliegenden Akten stellten französische Gerichte fest, <dass die
Telefonbücher in mehreren Fällen, in denen die Einträge hätten erscheinen
sollen, entweder gar nicht oder sehr spät veröffentlicht oder in Gegenden
verteilt wurden, wo das Interesse für den Besteller der Einträge nicht mehr
bestand>. Man liest Sätze wie: <Gewisse Telefonbücher mit gleichem Inhalt
wurden im Namen verschiedener Firmen veröffentlicht.> Und weiter: Die
Darstellung der Formulare bewirke <eine Irreführung des Adressaten über den
Gegenstand der Leistung>.

Damals gingen die Unternehmen mit offiziell aufgemachten Rechnungsformularen
für Telefon- und Telefaxbücher auf Kundenfang; heute setzt man die Kosten
meist ins klein Gedruckte und weicht aufs Internet aus. Intercable war eine
von vielen weiteren Firmen aus Hamburg und Wien mit Ablegern in der Schweiz
und Liechtenstein. Allein in Frankreich erzielte Intercable zwischen 1981
und 1983 1,8 Millionen Francs an Einzahlungen.

Nicht nur in Frankreich wurde Intercable den Strafbehörden schon früh
bekannt. In einem Protokoll über eine Einvernahme vom August 1990 wird
Intercable im Zusammenhang mit einem weiteren Schweizer Adressbuchverlag
erwähnt: Der damals zuständige Zuger Untersuchungsrichter Thomas Hildbrand
befragte eine Person <in Sachen Int-Verlag AG>, wer denn für diese Firma die
Bücher drucke. Antwort: Man hätte einen Publikationsvertrag mit Intercable.
Der Int-Verlag kam laut einem Pressebericht von <24heures> ebenfalls in
Frankreich ins Visier der Justiz, weil er ähnliche Formulare versandte.

Gefängnis, international gesucht
Nach intensiven Interpol-Ermittlungen wurden 1994 die ersten zwei
Intercable-Geschäftsführer aus Hamburg wegen Betrugs zu je zwei Jahren
Gefängnis und einer Busse von je 1 Million Francs verurteilt. Mit ihnen
wurden vier weitere Adressbuchverleger aus Österreich zu Gefängnisstrafen
bis zu vier Jahren und Geldbussen bis zu 2,5 Millionen Francs verurteilt -
einige gleich mehrfach. Gegen viele dieser Geschäftsmänner existierte ein
internationaler Haftbefehl.

Laut schriftlicher Auskunft der französischen Behörden appellierten nur die
beiden ersten Intercable-Bosse in Frankreich und wurden 1996 aus formellen
Gründen freigesprochen.

15 Jahre Genfer Geschäfte
Einer dieser Geschäftsführer war der Hamburger Dieter Bahnsen. Wie Meinolf
Lüdenbach machte auch er sich Anfang der 90er-Jahre in die Schweiz auf und
gründete in Genf ein neues international tätiges Adressbuchunternehmen -
laut verschiedenen unabhängigen Quellen kennt man sich aus gemeinsamen
geschäftlichen Hamburger-Zeiten.

In Genf gründete Dieter Bahnsen 1991 die Euco Data SA; in Spanien entstand
später ein Firmenzwilling, die Euco Data Espana SA. Wieder wurden weltweit
Firmen mit Adressbuchformularen eingedeckt. Die Methode wirkte offenbar: Für
1995 wies die Euco Data einen Bruttogewinn von über 800 000 Franken aus.

Ein ganz besonderes Verhältnis pflegte die Firma anscheinend zur Genfer
Handelskammer - deren Mitglieder durften sich noch 2003 in Euco Datas
<International Trade Information Directory> einschreiben. Heute treffen in
der Schweiz vor allem aus Osteuropa Beschwerden über Euco Datas
Geschäftsgebahren ein - genau wie bei Intercable.

Schlammschlacht im Internet
Als der TA letztes Jahr öffentlich machte, dass auch Intercable zum Kreis
jener Firmen gehört, gegen welche die Kripo Luzern ermittelte, erhielt die
Redaktion ein Schreiben von Intercable-Chef Wittmer. Darin wurde subtil nahe
gelegt, dass eine Person aus Grossbritannien, welche die Webseite
www.stopecg.org betreibt, ein gefährlicher Anarchist sein könnte und sich
womöglich mit Waffen beschäftige. Stopecg wehrt sich seit Jahren auch vor
Gericht erfolgreich gegen die erwähnten Firmen und hilft hereingefallenen
Kleinunternehmen, sich gegen die Inkassomassnahmen zu verteidigen.

Nicht lange, und eine Webseite namens Internetvictims entstand im Internet.
Motto: <Will jemand Ihren Ruf ermorden? Wir helfen! Gratis!> Für diese Seite
wurde hier im renommierten Konsumentenschutzmagazin <Beobachter> und der
Familienzeitschrift <Schweizer Illustrierte> Werbung geschaltet. Auf
Internetvictims, die mit Intercable auf den ersten Blick nichts zu tun hat,
wird versucht, den Briten in ein schiefes Licht zu rücken. Unter anderem mit
jenen Andeutungen, die Intercable-Chef Wittmer dem TA schickte. [TA |
09.10.2006]